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Auslandsaufenthalt: Holzbau Brockhaus verzichtet freiwillig auf seine Auszubildenden

André Brockhaus verzichtet freiwillig für einen Monat auf seinen Auszubildenden. Er schickt ihn ins Ausland, mit dem Programm ErasmusPlus (Erasmus+). Der Geschäftsführer der Dinklager Zimmerei Holzbau Brockhaus schwärmt noch heute von seinem eigenen Studiensemester in Finnland. „Man wird selbstständiger“, sagt er. „Im Ausland muss man erfinderisch sein und ich habe gelernt, die Leute auf Englisch anzusprechen“, erinnert sich Brockhaus. Damals hat er mit eigenen Augen gesehen, dass nicht überall deutsche Maßstäbe gelten, und es auch andere, erfolgreiche 
Geschäftsgepflogenheiten gibt. Diesen Perspektivwechsel will er auch seinen Azubis ermöglichen.
Erfahren hat Brockhaus von dem Austauschprogramm für Lehrlinge über einen Artikel des Baugewerbeverbands und einen Flyer von Kirsten Grundmann. Sie betreut als Mobilitätsberaterin bei der Handwerkskammer Oldenburg das Programm und berät die Betriebe kostenlos. Momentan unterstützt sie mehrere angehende Tischler, Elektroniker, Feinwerkmechaniker, Metallbauer sowie Bäcker und Konditoren bei der Organisation ihres Auslandsaufenthalts. In den vergangenen fünf Jahren habe es etwa 220 Entsendungen gegeben, darunter 20 aus dem Landkreis Vechta, sagt Grundmann.
In diesem Jahr hat sie Fördergelder für 50 Plätze. Aber wenn es mehr Bewerbungen gibt, dann kann sie auch über andere Projektpartner noch Azubis unterbringen, sagt die Beraterin. Etwa zwei Drittel der Kosten werden über das Programm finanziert, ein Drittel zahlt der Azubi selbst sowie die Reisekosten.
Die meisten würden für vier Wochen an dem Programm teilnehmen, sagt sie. Bis zu einem Jahr nach Abschluss der Ausbildung ist eine Entsendung möglich. „Für die Azubis ist eine Teilnahme während der Ausbildung interessanter“, sagt Grundmann. „Denn dann erhalten sie noch ihre Ausbildungsvergütung vom heimischen Betrieb.“
Beliebte Ziele seien vor allem die englischsprachigen EU-Länder England, Irland und Malta. Aber auch Österreich, Island, Schweden und Norwegen locken Bewerber. „Nach Italien gehen gerne Tischler, weil viele dort gute Erfahrungen gemacht haben und das spricht sich dann rum“, sagt Grundmann.
Hat sie einen Praktikumsplatz gefunden, unterstützt sie bei der Suche nach einer Unterkunft. Viele wohnen in Gastfamilien. „Es ist schon schöner, wenn die Teilnehmer nicht alleine sind“, sagt sie. „Dann kommt Heimweh erst gar nicht auf.“ Auch für ein Rahmenprogramm ist gesorgt: Wer will, kann an Ausflügen teilnehmen und einen Sprachkurs besuchen.
„Die Firmen bekommen einen sehr motivierten Azubi zurück“, sagt sie. Und die jungen Teilnehmer würden viele Dinge nicht mehr als so selbstverständlich ansehen, weiß die Beraterin. Doch die Betriebe halte vor allem die fehlende Arbeitskraft von einer Teilnahme ab, sagt Grundmann.
Auch Brockhaus hat bei aller Begeisterung für das Programm ein wenig gezögert. Denn die Ausbildungsvergütung muss auch während der Entsendung gezahlt werden. Dennoch hat er zwei seiner vier Auszubildenden eine Teilnahme vorgeschlagen. Auch wenn er weiß, dass Azubi Johannes Küpper den Betrieb nach seinem Abschluss wahrscheinlich verlassen wird. Der 20 Jahre alte Osnabrücker möchte Architektur studieren.
Brockhaus würde gerne mehr junge Menschen ausbilden und langfristig an sich binden. Durch die Unterstützung von Erasmus+ hofft er, künftig leichter Schüler für den Beruf des Zimmermanns zu begeistern, indem die Entwicklungsmöglichkeiten bekannter werden.
Azubi Küpper durfte selbst auswählen, in welchem europäischen Land er vier Wochen lang den Arbeitsalltag eines Zimmerers kennenlernen möchte. Seine Wahl fiel auf Irland. Für ein vierwöchiges Praktikum in dem Land liegt sein Eigenanteil bei gut 300 Euro plus Flugkosten. „Fachlich freue ich mich, dass es in den Norden geht“, sagt sein Chef. Denn in den nordeuropäischen Ländern gebe es traditionell mehr Holzbau als in den südeuropäischen. Küpper schreibt gerade seine Bewerbung – in englischer Sprache. Die wird Mobilitätsberaterin Grundmann an irische Betriebe weiterleiten. Wenn alles klappt, lebt und arbeitet Küpper im Herbst für vier Wochen auf der grünen Insel.
Nähere Informationen gibt es im Netz unter www.berufsbildung-ohne-grenzen.de. Mobilitätsberaterin für die Region ist Kirsten Grundmann. Sie ist bei der Handwerkskammer Oldenburg unter Telefon 0441/232275 oder per E-Mail unter grundmann@hwk-
oldenburg.de erreichbar. 
Unternehmen, die Auszubildende aus dem Ausland einen Praktikumsplatz anbieten möchten, können sich ebenfalls bei ihr melden.

Fakten: Auszubildende können laut Berufsbildungsgesetz bis zu einem Viertel ihrer regulären Ausbildungszeit im Ausland verbringen, ohne dass sich dadurch die Ausbildungszeit verlängert.
Das EU-Förderprogramm Erasmus+ unterstützt Auslandsaufenthalte von 14 Tagen bis zu zwölf Monaten.
Das Praktikum kann in allen EU-Mitgliedsstaaten sowie Norwegen, Island, Liechtenstein, Mazedonien und der Türkei absolviert werden.
Erasmus+ deckt rund zwei Drittel der Kosten. Die Mobilitätsberater helfen bei der Suche nach einem Betrieb und einer Unterkunft, zum Beispiel in einer Gastfamilie.
Der Teilnehmer trägt die Anreise und etwa ein Drittel der Programmkosten.
Ein Aufenthalt kann bis zu einem Jahr nach Abschluss der Ausbildung gefördert werden.
Teilnehmen können volljährige Auszubildende mit Wohnsitz in Deutschland.
Der Berufsschule und der Betrieb, der während der Entsendung die Ausbildungsvergütung zahlt, müssen den Teilnehmer freistellen.

Zum Foto: Von Dinklage nach Dublin: Geschäftsführer André Brockhaus (links) unterstützt seinen Lehrling Johannes Küpper dabei, ein Auslandspraktikum zu absolvieren. Text/Foto: Smalian

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Published on: 5 Juni 2017
Posted by: ovadmin

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