„Die Tiere sind meine Leidenschaft“

Manchmal wacht Johannes Hugo-Westendorf mitten in der Nacht auf. Weil eines seiner Galloways muht, draußen auf der Wiese. Er hört das drinnen, in seinem Schlafzimmer, auch durchs geschlossene Fenster. Er spürt, wenn das Muhen anders klingt als sonst. Lauter, aggressiver, ein bisschen wie ein Hilferuf. „Ich habe das im Blut, dass ich weiß: Irgendwas ist da. Irgendwas passt da nicht“, sagt er. Johannes Hugo-Westendorf steht dann auf, fährt hin, schaut nach. Nie trügt ihn sein Gefühl, immer ist was: Mal hat ein Muttertier ein Kalb zur Welt gebracht, mal ist eines der jungen Rinder durch den Zaun entwischt. Hugo-Westendorf hilft ihnen dann. Er opfert seinen Schlaf gern für sie. Er sagt: „Die Tiere sind meine Leidenschaft.“

Rund hundert Galloways hält Hugo-Westendorf. Er züchtet sie, er zieht sie auf, er pflegt, füttert, striegelt sie. Er gibt ihnen Namen – und sehr viel Platz: ein Hektar pro Tier. Er schenkt ihnen ein Leben, wie sie es sich nicht besser wünschen können. Und irgendwann bringt er sie dann zum Schlachter. Manchmal wird er gefragt, wie das zusammenpasst. Dann erzählt er, wie ihn der Tag der Schlachtung schmerzt, jedes Mal aufs Neue – und dass er bei ihnen ist bis zum Schluss. Aber er sagt auch, dass die Galloways nun mal Nutztiere sind. Tiere also, aus denen wir Menschen einen Nutzen ziehen und deren Fleisch wir genießen wollen. Entscheidend ist für ihn nicht, dass sie sterben müssen. Sondern wie sie gelebt haben: „Ich weiß, dass sie es vom ersten bis zum letzten Tag gut hatten. Dass man sich um sie gekümmert hat. Dass sie ein schönes und artgerechtes Leben hatten.“

Mit dieser Haltung begegnet Hugo-Westendorf seinen Galloways, seit er im Jahr 2007 von seinem ersten Gesellenlohn einen Zuchtbullen gekauft und mit der Zucht begonnen hat. Er entdeckte bald, welch besondere Tiere die Galloways sind, so herrlich robust. Im Winter verkraften sie minus zehn Grad locker. Wenn es schneit, lassen sie den Schnee auf ihrem Rücken liegen; so gut isoliert sie ihr zotteliges Fell. Sie brauchen nur ein Strohbett für zwischendurch. Im Sommer, wenn die Sonne brennt, suchen sie sich gern ein schattiges Plätzchen auf ihrer Wiese. Oder sie stellen sich tief in einen Tümpel, bis zum Bauch, um abzukühlen.

Wenn Hugo-Westendorf zu ihnen an die Weide kommt, reagieren die Galloways sofort. Recken den Kopf, spitzen die Ohren – und freuen sich auf die Zuckerrüben, die er ihnen bestimmt wieder mitgebracht hat. „Auf die“, erzählt er, „fahren sie total ab.“ Er ruft sie dann: „Hallo Dele! Hallo Unity! Hallo Upsala!“ Gibt ihnen zu fressen. Striegelt ihnen das Fell und wirbelt sie am Schwanz. Dann drehen sie ihren Kopf, hin und her, hin und her. Und genießen. Hugo-Westendorf sagt: „Man kann den Tieren ansehen, wie es ihnen gefällt. Dass man am liebsten gar nicht mehr aufhören sollte.“

Manchmal will ein Galloway auch nicht. Lässt sich von keiner Zuckerrübe locken. Kommt nicht zum Striegeln. Steht einfach da und bewegt sich keinen Millimeter. Dann spürt Hugo-Westendorf, dass seine Tiere stur sein können. Dass sie wissen, was sie wollen – und was nicht. Überhaupt nicht wollen sie zum Beispiel, dass jemand ihren Kälbern was tut. „Sie verteidigen sie bis aufs Blut“, sagt Hugo-Westendorf. Wenn ein Mann mit seinem Hund neben der Weide spazieren geht, geht die Kuh zum Zaun und verfolgt den Hund. Sie läuft am Zaun neben ihm her und schaut genau, was er macht. Kommt jemand ihrem Kalb zu nahe, dann senkt sie, die sonst so friedfertig ist, ihren Kopf und schnaubt. Hugo-Westendorf sagt: „Man merkt dann deutlich, dass sie zeigt: Pass bloß auf, sonst passiert dir was.“

Er kennt seine Tiere, er sieht sofort, wie es ihnen gerade geht – schon an der Stellung der Ohren. „Die müssen so auf halb drei stehen“, schräg nach oben also, dann ist alles gut. Wenn ein Tier krank ist, hängt sein Kopf, und es geht anders als sonst. Aber die Galloways von Hugo-Westendorf sind selten krank. Der Tierarzt kommt nur einmal im Jahr, zur Blutkontrolle. Das ist der Lohn für all die Arbeit, die der Züchter sich mit seinen Tieren macht. Wobei diese Arbeit für ihn selbstverständlich ist. „Die Tiere sind ja auch Lebewesen“, sagt Hugo-Westendorf. „Da gehört es dazu, dass ich sie artgerecht und mit Respekt behandle. Das haben sie verdient.“

So tun seine Galloways Tag für Tag, was ihnen gefällt. Die Jungen toben über die Weide, verfolgen sich, schlagen mit den Hufen aus, mal hinten, mal vorn. „Das ist manchmal ein richtiger Kindergarten“, sagt Hugo-Westendorf. Die Alten lassen es ruhiger angehen. Sie fressen, liegen – und schauen den Jungen beim Toben zu.

Wenn die Kälber sechs, sieben Monate alt sind, werden sie von ihrer Mutter getrennt und kommen auf eine andere Weide. An den ersten Tagen danach suchen die Mütter ihre Kälber noch, und die Kälber rufen nach ihren Müttern. „Da ist schon ein bisschen Herzschmerz dabei“, sagt Hugo-Westendorf. Aber er kann ihnen diesen Herzschmerz nicht ersparen. Denn bald danach werden die nächsten Kälber geboren; wären die älteren noch da, kämen sie nie ans Euter. Dort aber müssen sie ihn, jedes zu seiner Zeit.

Johannes Hugo-Westendorf mag es sehr, seine Rinder aufwachsen zu sehen. Jedes neue Kalb macht ihn stolz. Weil er weiß, es stammt von seinem Bullen. Und von seiner Kuh. Es ist ein Galloway von der Hugenheide. Ein ganz besonderes Tier.

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Published on: 2 März
Posted by: Marlene Wegmann

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